Boris Goldstein - sein Leben

 

Boris Goldstein, 1922 in Odessa geboren, war schon in jungen Jahren eine herausragende Geigerpersönlichkeit. Bereits als Neunjähriger spielte er mit dem Moskauer Rundfunkorchester Mendelssohns Violinkonzert, das sogar im Radio übertragen wurde. Dies stellte den Beginn einer aufsehenerregenden Karriere dar.
1935 nahm er zusammen mit David Oistrach am Internationalen Wieniawski-Wettbewerb in Warschau teil und konnte einen Preis erzielen. Nach dem Auftritt des damals erst 13-Jährigen meinte kein Geringerer als Heinrich Neuhaus über den jungen Goldstein: "Man ist verblüfft vom sinnvollen und reifen Spiel, vom Stilgefühl, von der Tiefe und Genauigkeit seiner Darbietungen, um die ihn viele Meister beneiden würden." Auch der berühmte Geiger Karl Flesch erkannte in dem Jungen ein außergewöhnliches Talent und beschrieb sein Spiel als schlichtweg „erstaunlich“.
Einen besonders wichtigen Erfolg stellte für Goldstein die Auszeichnung als Preisträger beim Internationalen Ysaye-Wettbewerb 1937 in Brüssel dar. Zusammen mit seinen sowjetischen Geiger-Kollegen, die allesamt mit den ersten Preisen ausgezeichnet wurden, leistete er einen wichtigen Beitrag für das große Ansehen, welches die russische Violinschule daraufhin in aller Welt erlangte. Zu seinen Konkurrenten bei den internationalen Wettbewerben zählten neben David Oistrach auch Ida Haendel und Arthur Grumiaux. Im Anschluss an die renommierten Wettbewerbe folgten triumphale Konzerte des jungen Geigers in einigen europäischen Hauptstädten, darunter London, Paris sowie Berlin. Er erhielt mehr als positive Kritik: „ ...Goldstein besitzt einen reichen, fast einen „Kreisler-Ton“ und eine feurige romantische Interpretation musikalischer Werke ...“ (Manchester Guardian, London,1937). Musiker wie Fritz Kreisler, Sergej Prokofieff, Jascha Heifetz und Jehudi Menuhin haben sich bewundernd über Goldsteins Spiel geäußert und den musikalischen Werdegang entscheidend geprägt. Seine Lehrer waren Pjotr Stoljarski, Abram Jampolsky, Lev Zeitlin und Konstantin Mostras.
Neben zahlreichen Konzertreisen innerhalb Russlands mit bis zu 100 Auftritten pro Jahr, bespielte Boris Goldstein zahlreiche Schallplatten und Bänder mit Werken der Violin- und Kammermusik, darunter auch Werke, die speziell ihm gewidmet worden waren. Er war zudem regelmäßig im Rundfunk zu hören. Neben den Werken der Klassik und Romantik führte der Geiger zudem als Erster die großen, modernen Kompositionen von Bloch, Honegger, Poulenc und Elgar auf. Prokofieffs 2. Violinkonzert erfuhr durch ihn in Moskau die Uraufführung unter der Leitung des Komponisten selbst. Mitte der fünfziger Jahre reiste Goldstein nach Griechenland, wo die Presse auf seine Konzerte mit großem Jubel reagierte: „Für diesen phantastischen Künstler gibt es auf der Geige kein Problem, das er nicht lösen kann, keine technische Schwierigkeit, die er nicht mit unwahrscheinlicher Leichtigkeit meistert.“ (Vima, Athen, 1955). Es folgten Einladungen in die USA und in weitere Länder. Diese konnte der Violinist jedoch aufgrund der fehlenden Ausreiseerlaubnis nicht wahrnehmen, und so wurde er noch weitere 20 Jahre in der Sowjetunion festgehalten.
1974 emigrierte Boris Goldstein schließlich aus der damaligen UdSSR nach Deutschland, wo er ab 1976 eine Meisterklasse als Professor an der Hochschule für Musik in Würzburg leitete. Bald nach Antritt seiner Stelle meldeten sich die ersten Schüler, die sich aus dem In- und Ausland für seine Meisterklasse bewarben. Der internationale Ruf des prominenten Lehrers verbreitete sich rasch, so dass im Laufe weniger Jahre das geigerische Niveau an der Hochschule beachtlich angehoben werden konnte. Sein intensiver, manchmal unerbittlicher Unterricht der "russischen Schule" zeitigte bei den Studenten ungewöhnliche Erfolge. Die Goldstein-Klassenabende waren jeweils ein besonderes Ereignis. Die nun möglichen Auftritte als Geiger in Deutschland und Westeuropa wurden zu unvergessenen Glanz- und Höhepunkten seiner Karriere. Wo er auftrat, wurde er von Publikum und Presse gefeiert: „... ein legendärer Geiger ... ein Meister der großen slawischen Schule des Geigenspiels ...“ (Daily Telegraph, London, 1986).
Mit überwältigendem Erfolg unternahm Boris Goldstein ab 1981 mit seiner Tochter, der Pianistin Julia Goldstein, viele In- und Auslandstourneen nach Spanien, Italien, Frankreich und Belgien. Als Pädagoge zählte der Violinist auf diesem Gebiet zu den Erfolgreichsten überhaupt. Viele seiner Schüler, darunter Zakhar Bron, Michael Guttman und Konstantin Stoianov, wurden Preisträger auf verschiedensten internationalen Geigenwettbewerben.
Boris Goldstein starb 1987 überraschend mit 65 Jahren in Hannover.

Irina und Boris Goldstein, mit Enkel Sebastian Manz